Die Zeit
25/2004 -
Sonne, Sand und Shiva
In Arambol im Norden von Goa
dürfen die Hippies noch Hippies sein. Selbst ihrem Versuch, indisch
zu werden, begegnen die Inder mit therapeutischer Gelassenheit
Von Dorothee Wenner
Dennis kommt von
Rügen. Er hat blond gelocktes Engelshaar, das er seit Wochen nicht
gekämmt hat. Wie er so daliegt, halb nackt und abgemagert in der
Hängematte, muss man unwillkürlich an seine Eltern daheim denken. Es
hat etwas Rührendes, wie Dennis seinen Joint anraucht, in der vollen
Nachmittagshitze, und ihn freundschaftlich den anderen Späthippies
aus Dresden, Belgien, Bombay und Italien weiterreicht. Yves legt
Holz nach. Das Feuerchen in diesem Open-Air-Fantasietempelchen unter
dem riesigen Banyan-Baum soll nicht erlöschen. Am Stamm und auf
kleinen Felsen sind liebevoll nach hinduistischer Art
Blumengirlandenund Götterbildchen drapiert.
Alle lächeln aufmunternd,
als Dennis’ amerikanische Freundin die Tablas holt und ihre selbst
komponierten Songs zu Ehren von Mutter Ganga, Shiva und Ganesha zum
Besten gibt. Nur die beiden Bombay-Boys, die zu Besuch sind,
versuchen, die Begeisterung der Fremden für die hinduistischen
Götter zu bremsen. Man stelle sich nur einmal vor, wie es wäre, wenn
in einer bayerischenSzenekneipe Inder katholische Kirchenlieder
anstimmten. Die Bombay-Boys probieren vorsichtig, eine Diskussion in
Gang zu bringen. Es sei doch nicht in Ordnung, dass in Indien
Abermillionen Rupien ausgegeben würden, um Altersheime für die
heiligen Kühe zu betreiben, während so viele Menschen auf der Straße
verhungerten. Die Westler hören höflich zu und widersprechen nicht.
Nach einer nachdenklichen Pause stimmt jedoch einer nach dem anderen
in die religiösen Gesänge der Amerikanerin ein. Die Bombay-Boys
suchen bald darauf ihre Schläppchen und das Weite, werden aber zuvor
noch äußerst freundlich verabschiedet.
Arambol
im Norden von Goa ist eines dieser paradiesischen Fleckcken, wo
Telefonleitungen und Stromversorgung nur ein paar Stunden am Tag
funktionieren. Vor acht Jahren gab es den Ort noch gar nicht, nur
den kilometerlangen Sandstrand mit Palmen und mitDelphinen am
Horizont. Seitdem haben sich Geschäftsleute aus ganz Indien
eingefunden, die mit viel Improvisationstalent Annehmlichkeiten für
Touristen anbieten, die in aller Regel nur zehn, zwanzig Euro am Tag
ausgeben. »Die meisten sind Hippies«, sagt Vishwanath Arolkar und
zeigt wie zum Beweis auf die Esoterikecke in der Bücherwand neben
sich. »Aber eigentlich sind ja alle Westler aus indischer
Perspektive Hippies, weil sie so unberechenbar sind. Sie gehen an
den Strand, ziehen sich aus und tun so, als wären sie Kinder.«
Vishwas Reisebüro Tara Travels ist zugleich Buchladen, Cybercafé und
der wichtigste
hang-out
im Dorf.Eine lederbraune Dänin ganz in Batik kommt herein und bringt
Vishwa eine Tüte Cashewkerne zum Dank für ein Zugticket, das sie
viel zu spät gebucht hatte. »Bis zum nächsten Jahr,« flötet sie und
umarmt Vishwa zum Abschied. Er lässt sich widerstandslos küssen und
winkt ihr mit strahlendem Lächeln nach. »Das war Mama«, sagt er.
Mehr als dreißig Jahre liegt
es zurück, dass die ersten Hippies auf der Suche nach spiritueller
Erleuchtung in die ehemaligeportugiesische Kolonie Goa gepilgert
sind, und seitdem hat sich manches geändert. Es werden mehr und
härtere Drogen genommen alsfrüher. Auch planen die Hippies von heute
genauer, wie lange sie bleiben können, ohne ihr Studium oder ihren
Job daheim zu gefährden. Noch mehr verändert hat sich jedoch die Art
der Inder, mit den Aussteigern aus dem Westen zu leben. Früher
umwehte die Hippies etwas Verruchtes, das man nicht verstand und
auch nicht verstehen wollte. Heute herrscht im touristischen Alltag
von Arambol ein verblüffender Pragmatismus. Der Cafébetreiber weiß,
dass seine westlichen Kunden schon zum]] Frühstück ihre Tablas
mitbringen möchten und dass sie sich nicht gern anstarren lassen,
wenn sie einander massieren, während sie auf ihre Müslis oder
Mangoshakes warten.
Die meisten Inder reagieren
wie routinierte Therapeuten auf die Versuche von Westlern, durch
Meditation, Krishna-Verehrung oder Tabla-Getrommel selbst etwas
indischer zu werden. »Mir tun diese Leute leid, weil sie sich in
ihren Ländern wohl nicht zu Hause fühlen«, meint Vilma, eine junge
Dame mit kerzengerader Haltung und sorgsam gebügelter Rüschenbluse,
die in einer Garage mitTisch, Stuhl und einem dieser
Ritsch-Ratsch-Geräte für zwei Prozent Kommission
Kreditkarteninhabern Bargeld auszahlt. »Westler können aber nun mal
nicht indisch werden. Und es wäre wohl auch zu viel von uns verlangt,
diese Leute ganz in unsere Mitte aufzunehmen. Schließlich regt man
sich in England und in den USA ja schon darüber auf, wenn sich die
Angestellten in indischen Call-Centern einen britischen oder
amerikanischen Akzent zulegen.« Vilma war, seit sie vor drei Jahren
nach Arambol zog, noch nie am 250 Meter entfernten Strand. Weil die
Frauen dort nur in Unterhosen und BHs herumlaufen, und weil sie
manchmal in aller Öffentlichkeit Männer küssen. Nach dem
Schlaganfall ihres Vaters ist sie die einzige Berufstätige in ihrer
Familie und entsprechend froh,dass sie den Posten als
Bankangestellte in der neu eröffneten Aramboler Filiale bekam.
Fast in jedem der kleinen
Läden und Restaurants findet man Inder aus allen Teilen des Landes,
die das touristische Neuland ebenso attraktiv finden wie die
Reisenden, wenn auch aus anderen Gründen. Raj zum Beispiel, der
wegen seiner Spielschulden aus Bangalore verschwinden musste und
fern von seinen Gläubigern nun ein Strandcafé betreibt. Ihn nerven
zwar hin und wieder die allzuberauschten Gäste, die gleich wieder
vergessen, was sie bestellt haben. Aber auch damit kann man
umzugehen lernen. Kommen Leutemit allzu roten Augen, hat Raj es sich
zum Prinzip gemacht, nach einer Viertelstunde nochmals zu fragen,
was es sein soll – er habe den Zettel verloren. Erst nach einer
Bestätigung wird dann die Küche aktiv. Oder Anisha, die mit ihrer
kleinen Tochterals Einzige der Großfamilie das Erdbeben in Gujarat
überlebte. Westler, die damals Katastrophenhilfe leisteten, rieten
ihr, inPoona oder Goa ein Geschäft zu eröffnen. Sie folgte dem Rat
und bekam tatkräftige Unterstützung beim Bau einer Bretterbude, wo
sie heute mit beachtlichem Erfolg Ausschussware von H&M verkauft.
Anisha lässt auf die späten Hippies nichts kommen: »Sie haben mir
damals geholfen, sie kaufen heute meine Kleider – ich weiß nicht,
was ohne sie aus mir geworden wäre.«
Auch Mukul hat Freundliches
zu berichten. Er ist ein junger Architekt aus Bombay, der regelmäßig
nach Goa fährt, weil ihn dieersten Hippies, die er als Junge sah,
selber zum Hippie gemacht haben. »Andere Touristen nehmen sich nicht
so viel Zeit, mit Indern zu reden, wie die Leute hier. In Bombay
allerdings bekommen wir die Auswirkungen zu spüren, wenn ebendiese
Leute in den diplomatischen Dienst eintreten. Auf deren Partys gibt
es dann nur noch ayurvedische Snacks.«
Gewiss stellt man sich auch
in anderen Ländern auf die Marotten westlicher Reisender ein, wenn
etwas daran zu verdienen ist.Trotzdem hat Indien für Sinnsucher eine
Anziehungskraft sondergleichen. Der indische Schriftsteller Lancy
Fernandez hat dafür eine einleuchtende Erklärung gefunden: Auch für
Inder sei das multikulturelle, multireligiöse, multiethnische Leben
so konfus, dass sich die Forderung nach normorientiertem Verhalten
auf den Innenraum der eigenen Familie beschränke. Weil das alle
Konzentration verlange, bleibe im öffentlichen Außenraum eine große
Toleranz für alle anderen.
In Goa, dem indischen
Italien, gilt das besonders. Die lässige Art, mit der etwa Vishwa
seine Kunden bedient, ihren Literaturgeschmack kennt und ihre
saloppen Umgangsformen duldet, ist keineswegs Ausdruck einer
hippiehaften Gesinnung. Im Gegenteil: Vishwa hat mit Hilfe seines
Bruders und eines Motorrads ausgeklügelte Strategien entwickelt, die
lückenhafte Telekommunikation zu den Bahnhöfen und Busunternehmen zu
überbrücken. Das ist aufwändig, verschafft ihm aber einen
Geschäftsvorteil, der sogar jene Touristen zu Stammkunden macht, die
jede Rupie dreimal umdrehen. Denn kaum einer hat die Geduld, sich
selbst einen Weg durch den Dschungel der indischen Bürokratie zu
schlagen.
Ein betagter Hippie aus Köln
kommt hereingeschlendert und unterbricht das Gespräch über Vishwas
Geschäftsgeheimnisse. Er setzt sich auf den roten Plastikstuhl und
sagt, er habe ein Problem. Dann zieht er ein Neckermann-Flugticket
aus dem verstaubten Rucksack: Sein Rückflug war für den 22. Januar
gebucht. Inzwischen ist es Mai. Ob Vishwa noch etwas machen könne?
Leider tut es dasTelefon gerade nicht. Vishwa lächelt still in sich
hinein über diesen Westler ohne Sinn für Termine, notiert sich die
Flugnummer in das große Notizbuch und sagt ohne den leisesten
Vorwurf: »Komm doch morgen noch mal wieder, dann sehen wir mal, was
wir tunkönnen!«
(c) DIE ZEIT 09.06.2004 Nr.25
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