18.03.2006 im SPIEGEL
Zukunftsmusik
Mit Kukident nach Goa
Von Renée Zucker
Vergesst Mallorca, glaubt an Goa:
Deutsche Pensionäre haben die Aussteigerstrände Indiens erobert.
Nach den lästigen Hippis und lärmenden Ravern freuen sich die
Einheimischen über die verträglichen Nachbarn. Liegt hier das neue
Rentnerparadies?
Vermutlich
werde ich irgendwann im Alter in Indien landen. Mein afghanischer
Freund Hamid hatte es mir schon vor ein paar Jahren
prophezeit:"Leute wie du werden am Ende nur in der dritten Welt
überleben können". Er meinte das nicht persönlich, er meinte es
pekuniär. Leute wie ich, die keine ordentliche Rente zu erwarten
haben, mit der man locker einen Busfahrschein für 10 Euro kaufen
kann - denn mindestens so viel wird die Kurzstrecke vom Schloss
Charlottenburg bis Ernst Reuter Platz bis dahin kosten, und was will
man dann am Ernst-Reuter-Platz machen? - solche Leute müssen
fürderhin in die Dritte Welt (oder in die Länder des Südens, wie es
jetzt vornehm korrekt heißt) um ihren Lebensstandard halten zu
können.
Eine Abteilung der jetzigen
Rentnergeneration hat das auch schon erkannt. "Das ist nämlich nicht
mehr das Raver-, sondern das Rentnerparadies" vermerkte mein
weißbärtiger Sitznachbar im Charterflug nach Panjim triumphierend
und ein Blick durch das komplett ausgebuchte Flugzeug zeigte mit
erschütternder Deutlichkeit, daß der Mann die Wahrheit sprach. Wo
man auch hinschaute: eine Weide von Glatzen mit Haarkränzen,
praktischem Kurzhaar oder rotgefärbten Dauerkrausen. "Hippies, dit
war mal", streut sich der patente Pensionär neben mir das ganze
Pfeffertütchen in seinen Tomatensaft, " damit man schon mal auf hot
and spicey vorbeitet is, wa?" und erzählt, dass er jetzt schon das
dritte Mal nach Goa fliegt.
Jeden Winter Mallorca wurde auf die
Dauer langweilig, seine Nachbarn haben sich gerade in Benaulim ein
Haus gekauft und nun überlegen seine Frau und er, ob sie nicht auch...
Diesmal haben sie jedenfalls erstmalig von Oktober bis Ende März ein
Haus gebucht. Egal, ob sie nun wirklich so lange bleiben, es kostet
ja nur ein Drittel von dem, was man auf Mallorca für einen Monat
bezahlt.
Immer dabei: Pumpernickel und
Schwarzwälder Schinken
Alles sei so viel billiger als im
EU-Raum und wenn man selbst kocht, dann muss man auch nicht immer so
scharf essen. "Pumpernickel und verschweißten Schwarzwälder Schinken
haben wir immer dabei", grinst der ehemalige Postler im Vorruhestand,
winkt mit dem leeren Pfeffertütchen und bestellt sich noch einen
kostenlosen Tomatensaft.
Eine
bizarre Mischung aus wenigen Ravern und vielen Rentnern war hier
versammelt und belästigte genervte Purser-Herrschaften, formerly
known as Stewards oder Flugbegleiter mit Wünschen nach Wasser für
die Kopfschmerztablette oder Whiskey für die
Überwinterungseinstimmung. Deutsche Rentner auf den Spuren von
Aussteigern und Auf-dem-Trip-Gebliebenen und auch hier haben sie den
einheimischen Kellnern schon "Alles klar" beigebracht.
Ansonsten ist zu vermelden, dass sich
die Deutschen tadellos benehmen. Zumindest die Rentner, die anderen
raven sich (und die geplagten Dorfbewohner) zwischen Weihnachten und
Karneval am Strand von Anjuna mit Hilfe aller verfügbaren
Designerdrogen um den Verstand. Rentner hingegen sind sehr angenehme
Gäste. Still und unauffällig sitzen sie lesend unter dem
Sonnenschirm und nehmen nur hin und wieder ein Kingfisher Beer zur
einheimischen Mahlzeit ein; sie sprechen ein gutes Englisch, sind
höflich zur arbeitenden Bevölkerung und wenn das so weitergeht, dann
werden wir fast zu gut für diese Welt und es gibt nicht mehr einen
Grund, sich für seine Herkunft zu schämen.
In Indien muss man das allerdings
sowieso nicht, denn hier hellen sich die landeseigenen Mienen bei
"Germany" gern auf und ergänzen begeistert mit "Adolf Hitler".
"Mein Kampf" mit bunten Covern
Der ist hier vor allem deshalb so
beliebt, weil er sich so ins Zeug für seine Rasse gelegt und
herrliche Eroberungszüge gemacht haben soll. Diese bizarre Vorliebe
für den größten Verbrecher des vergangenen Jahrhunderts wird sich
hoffentlich bis zu meinem Rentenalter gegeben haben, aber man kann
nie wissen - noch liegt "Mein Kampf" mit immer neuen, fetzig bunten
Cover in den Straßen von Delhi, Bombay und Bangalore auf jedem
zweiten Büchertisch...
Aber nicht nur Rentner haben die
Zeichen der Zeit erkannt. Unter dem Titel "Single White Female"
veröffentlichte kürzlich das Wochen-Magazin Outlook eine Reportage
über europäische Frauen, die irgendwann beschlossen hatten, in
Indien zu leben und nun hier Karriere gemacht haben.
Eine Geschichte, wie man sie noch vor
10 Jahren über New York oder Los Angeles gelesen hätte. Und die
Gründe, weshalb die Frauen hierher kamen, sind die gleichen, weshalb
sie damals nach LA oder NY gingen: hier ist es nicht so langweilig
und festgefahren wie zuhause, hier sind die Leute offen für neue
Ideen, hier kann man etwas bewegen - und hier, im zweitgrößten
Konsumentenmarkt der Welt, gibt es vor allem eine stetig wachsende
Mittelschicht, der man etwas verkaufen kann.
Indien konnte ja schon immer einen
Zustrom westlicher Frauen verzeichnen, die waren dann allerdings
entweder sogenannte Memsahibs - gelangweilte und von der Hitze
erschöpfte Gattinnen von Kolonialherren - oder
Spiritualitäts-Suchende, die sich im Schutze der Ashrams diversen
Gurus von Maharishi bis Bhaghwan verschrieben; es gab und gibt immer
noch Hippies, Diplomatinnen und professionelle Helferinnen, die in
NGOs oder konfessionellen Einrichtungen Gutes tun.
Hoffnung auf Liebhaber mit spirituellem
Selbst
Bei den hier beschriebenen geht es
allerdings weder um Karma noch um Krankenschwestern: Ob die
Kanadierin, die einst in London Mode studierte und jetzt als
Stylistin für eine Modelagentur in Delhi arbeitet, die deutsche
Generalmanagerin der Oberoi-Hotelkette, eine Holländerin, die den
Einkauf für ein Kaufhaus in Bangalore unter sich hat oder eine
Belgierin, die eigentlich ihre Rente in Goa verleben wollte und
jetzt anderen Rentnern in Goa beim Hausbauen hilft... allen
gemeinsam ist, dass sie zunächst einmal gern in Indien leben wollten
und es ihnen relativ leicht gemacht wurde, zu bleiben und eine
Existenz aufzubauen.
Besonders erstaunlich an diesen neuen
Karriere-Nomaden ist, dass sie alle mehr mit Indern als mit anderen
westlichen Ausländern zu tun haben. Wenn ich mich an deutsche
Aussteiger in Italien, auf den Balearen oder Kanaren erinnere,
hockten die vornehmlich frustriert mit anderen deutschen Aussteigern
rum, um auf die Einheimischen zu schimpfen, weil dies und jenes
nicht nach gewohnt germanischen Gusto ging. Die Karrierefrauen in
Indien klagten allerdings auch - aber natürlich nur über das Eine:
Männer.
Das allerdings konnte man nicht anders
erwarten in einem Land, da öffentliches Spucken, Nasebohren und
Pinkeln zur männlichen Lieblingsbeschäftigung gehört.
Eine
australische Schauspielerin war enttäuscht darüber, dass die Inder
überhaupt nicht wüssten, wie man das Dating Game richtig spielt -
außerdem hatte sie geglaubt, Inder wären in besonderem Kontakt mit
ihrem spirituellen Selbst und seien deshalb besonders sanfte und
leidenschaftliche Liebhaber. Sie räumte dann aber ein, eventuell
doch die falschen Bücher gelesen zu haben.
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