DIE ZEIT, 06.03.2008 Nr. 11, S.30
Goa
statt Gaza
Faulenzen, feiern, den Drill vergessen: Nach dem
Wehrdienst gehen Tausende Israelis nach Indien und werden Hippies.
Manche bleiben für immer
Von
Juliane von Mittelstaedt
Der Tag beginnt, sobald es
dunkel wird. Abrupt wechselt der DJ die Musik: von sanftem Shiva-Gesäusel
zu hartem Trance. Die Bässe pochen in der Magengrube. Wo eben noch
Bananenpfannkuchen serviert wurden, tanzen nun Frauen in
Neoprenstiefeln und Fellwesten über Bikini-Oberteilen; manche
tragen nicht mehr als ihre Tattoos. Die Männer haben
fluoreszierende T-Shirts übergestreift, ihre Kinnbärte geflochten
und die langen Haare offen gelassen. Sie sehen aus wie eine Mischung
aus Herr der Ringe und Loveparade. Vereint unter dem Palmblätterdach
des »Curlies« am Strand von Anjuna, tanzen sie gegen die Zeit,
denn um 22 Uhr endet die Musik.
So will es das Gesetz. Und wenn dann die Bässe
abebben und die Stimmen lauter werden, hört man eine fremde,
kehlige Sprache, die nicht nach Indien klingt, und man merkt: Mitten
in Goa geht es zu wie am Strand von Tel Aviv. »Das ist der perfekte
Ort für Israelis«, sagt Ari, »und Trance die perfekte Musik: Du
kannst mit beiden Beinen aufstampfen und deine ganzen Aggressionen
rauslassen.« Deshalb sei er hier, sagt er. »Goa, that’s my
therapy.« Er steht am Rand der Tanzfläche, eine Flasche
Kingfisher-Bier in der Hand, kurze dunkle Haare, Dreitagebart und
Baggypants; er fällt auf, weil er so unauffällig ist. Ob er auch tätowiert
sei? Zögernd krempelt er den Ärmel hoch. An der Innenseite seines
Oberarms sieht man ein Geflecht schwarzer Linien, Ari sagt: »Es
soll mich daran erinnern, dass zwischen Leben und Tod nur ein
schmaler Grat liegt.«
Er setzt sich zu seinen
Freunden, die im Sand vor der Bar hocken. Sie reichen ihm ihre
Chillum, er zieht, hält den Atem an, presst den Rauch tief in die
Lunge. Die Luft riecht süß und schwer nach Bombay Black, einer
Mischung aus Holzpolitur und Charas, viel stärker als normales
Haschisch, das wie ein Pfeil ins Gehirn schießt und hämmernde
Kopfschmerzen hinterlässt. Ari sagt, er sei keiner von denen, die
sich mit Drogen aus der Wirklichkeit katapultieren wollten: Er
raucht deshalb an einem Tag der Woche nicht.
Drei Jahre war er als Soldat
in der Zahal, der israelischen Armee, einen Monat davon im
Libanonkrieg, danach ein halbes Jahr im Krankenhaus. Jetzt ist er 23
und seit zwei Wochen in Goa. Was ihn von den Reisenden anderer
Nationen unterscheidet: Er hat in Goa bisher keine Gewürzplantage
besucht, keine Kirche, keine Hindu-Tempel, no sightseeing, er
bemerkt das mit einem gewissen Stolz. Er sagt, er warte. Darauf,
dass es im Norden wärmer werde, in ein paar Wochen vielleicht, dann
will er weiterreisen.
Bis dahin geht es ihm vor
allem darum, nichts zu tun, die Bilder in seinem Kopf zu löschen.
Den Panzer, der in zwei Teile zerspringt, nachdem er auf eine Mine
gefahren ist. Den Schmerz, als die Druckwelle ihn gegen das Metall
schleudert, die Schulter zermalmt, die Arme, das Knie. Das
stundenlange Warten auf die Evakuierung, zehn Kilometer tief im
Libanon. Zwei Kameraden tot, zwei verletzt.
Knapp die Hälfte aller
Israelis geht nach zwei oder drei Jahren Wehrpflicht auf Reisen,
Zehntausende Männer und Frauen Anfang 20. Und die meisten fahren
nach Indien und landen irgendwann in Goa: 105 Kilometer Küste,
kleinster aller indischen Bundesstaaten. In den Sechzigern stiegen
hier die friedensbewegten Hippies aus, heute tanzen am gleichen Ort
die müden Krieger aus Nahost. Goa, das ist das Abklingbecken der
israelischen Armee.
Vor 15 Jahren kamen die
ersten Israelis, angezogen von den Trancepartys und dem Ruf Goas,
eines der letzten Paradiese zu sein, mit freiem Zugang zu allen nur
erdenklichen Rauschmitteln und ohne Zwänge. Ein Leben, in dem man
die Zeit einfach verstreichen lassen kann, aufsteht, wenn man wach
ist, schläft, wenn man müde ist, zwischendurch feiert und sich am
Ende zurückverwandelt vom Soldaten in einen Zivilisten. Nichtstun
ist die größtmögliche Rebellion gegen eine Heimat, die zu ewiger
Wachsamkeit anhält; ein vorsätzlicher Kontrollverlust, der nicht
vorgesehen ist im Land der unendlich vielen Kontrollen.
Die Inder haben sich angepasst an die israelische
Invasion, die die Exsoldaten selbst Gal nennen, die Welle. Wo immer
die israelischen Backpacker Station machen, ob in Manali, Kassol,
Dharamkot, Bhagsuh, Pune, Varanasi oder eben hier im Norden Goas, können
sie sich ein bisschen wie zu Hause fühlen. Die Inder imitieren das
Angebot nahöstlicher Spezialitäten so geschickt wie die Chinesen
Gucci-Handtaschen. So reihen sich in Arambol Shimon King of Falafel,
das Hummus Café und das Café Mazal aneinander, und auch auf den
Speisekarten der anderen Restaurants stehen Falafel, Hummus, Tahin
und Shakshouka gleich unter Curry und Dal.
Als Meital, die 23-jährige
Exsoldatin, die Straße entlanggeht, begrüßen die Händler sie mit
»Shalom, ma kore?«. Friede sei mit dir, wie geht’s? Und Meital
ruft zurück: »Tov meod!« Sehr gut! Bei Shimon, dem König des
Falafel, der ein Inder aus Delhi ist, knallt sie ihren schweren
Rucksack auf den Boden, setzt sich im Schneidersitz daneben und
bestellt einen Teller Falafel mit Hummus. Sie ist gerade aus Bangkok
angekommen, seit drei Monaten unterwegs. Es ist Nachmittag, und alle
Plätze sind belegt, Frühstückszeit für die Israelis. »Leider
ist das Pitabrot aus«, bedauert Shimon, als Ersatz bringt er
Chapati. Am Nachbartisch lärmen ein paar israelische Jungs. »Asim«,
sagt Meital leise und grinst; asim, das ist das hebräische
Schimpfwort für Prolls.
Sie erkenne andere Israelis
auf hundert Meter Entfernung. Dieser breite Gang, wie Soldaten
liefen sie, als würde noch immer die Uzi über ihrer Schulter hängen
und nicht ein Batikbeutel. Die Art und Weise, wie sie versuchten, möglichst
indisch auszusehen, einen um die Hüften geschlungenen Dhoti tragen
und die Kurta, das kragenlose Hemd, die Lieblingskleidung Mahatma
Gandhis. Und wie sie Haare und Bärte in alle Himmelsrichtungen
sprießen lassen nach drei Jahren Militärhaarschnitt.
Auch in Anjuna trifft man überall
auf die israelischen Backpacker. Im Supermarkt gibt es neben
Yogamatten israelischen Kaffee der Marke Elite zu kaufen. Ein paar
Meter weiter bietet ein Imbiss »Kosher Food«; in den Internetcafés
sind oft hebräische Schriftzeichen auf die Computertastaturen
gemalt. Wie in Arambol besteht der Ort aus nicht viel mehr als einer
Hauptstraße, an der sich zwischen Ganesh-Statuen und katholischen
Kapellen Stände mit nepalesischen Nasenringen und tibetischen
Wolldecken aneinanderreihen. Auf jeder freien Fläche dazwischen
verheißen Plakate die Reinigung von Geist und Seele: Yoga,
Intensiver-Atmen-Workshop, Re-Tuning, Rebalancing-Massage,
Emotional-Release-Work; alles kann man hier reinigen, wenn es sein
muss, sogar den Darm.
Das Ende der Hauptstraße mündet
immer in den Strand; der von Arambol ist breiter und von Palmen
umstanden, der von Anjuna mit Strandbars gesäumt. Doch an beiden
staksen zwischen den Badegästen Kühe herum. Oben ohne badende
Touristinnen fotografieren die Kühe, indische Teenager in
Bundfaltenhosen fotografieren die Touristinnen. Und wenn in Anjuna
der berühmte Mittwochsflohmarkt stattfindet und sich der Verkehr
vor dem Ort kilometerlang staut, ziehen halb nackte Sadhus mit
geschmückten Kühen im Schlepptau durch die Menschenmenge und
treiben mit ihren quäkenden Flötenklängen Spenden ein. Zwischen
den Händlern, ihrem Reich aus Glasperlenketten, Pashminaschals und
Steinelefanten, treffen sich auch die israelischen Voll- und
Teilzeitaussteiger. Wer nicht dauerhaft hier lebt, der kommt
zumindest während der Wintermonate und verdient sich den Aufenthalt
damit, dass er auf dem Flohmarkt handgetöpferte Chillums oder
selbst gehäkelte Yogamattenhüllen verkauft.
Abends versammeln sie sich
dann bei Zoori, zischen eine Chillum-Runde, essen Schnitzel und
schauen entspannt zu, wie die Sonne hinter den Horizont sackt. Zoori
trägt Pferdeschwanz, die braunen Zähne weisen ihn als
leidenschaftlichen LSD-Konsumenten aus. Er zählt zu den ersten
Israelis, die Anfang der neunziger Jahre hiergeblieben sind. Für
ihn war Goa damals noch ein echtes Paradies und LSD ein ständiger
Begleiter. Früher seien die Israelis nach einer langen Reise in Goa
gestrandet und hätten bis dahin ihre rauen Armee-Manieren
abgeschliffen. Jetzt kämen sie manchmal direkt aus Israel
eingeflogen. »Und LSD nehmen sie nur noch, um es mal ausprobiert zu
haben«, sagt Zoori. Aber eigentlich mag er sie doch, erklärt er
und zieht an seinem mittlerweile dritten Joint.
In Zooris Restaurant auf den
Klippen speist außer den israelischen Backpackern heute das ganze
Goa-Universum: Bollywoodstars und Immer-noch-Hippies, wie an diesem
Abend der 60-Jährige mit den grauen Dreadlocks, der zu Hochzeiten
des Flower-Power ein paar Monate meditierend auf einer Banyan-Feige
saß und nun über den Verfall Goas klagt: Die Pauschaltouristen hätten
die Strände von Baga und Calangute in einen Sonnenliegenstrip
verwandelt. Und die Inder, die hier inzwischen auch Urlaub machen,
brächten ihre eigenen traditionellen Wertvorstellungen mit.
Ähnlich schlecht sind nur
die Inder auf die israelischen Backpacker zu sprechen, manche
Pensionen nehmen sie bloß noch in der Nebensaison auf. »Du
vermietest ein Zimmer an zwei Israelis, und am nächsten Tag kommen
zehn heraus«, sagt ein Vermieter und erzählt, dass sie alles mitnähmen,
was nicht festgenagelt sei: Handtücher, Bettlaken, Fernseher. Es
soll sogar Läden geben, in denen Schilder hängen: »No Israelis
please«.
Das größte Problem jedoch
sind nicht die geklauten Handtücher. Fast alle Israelis fangen in
Indien an, Dope zu rauchen, experimentieren mit Magic Mushrooms, LSD,
Ecstasy und Heroin. Es sind vor allem die Elitesoldaten, die sich in
Goa auf einen nicht enden wollenden Trip befördern und am Ende
halluzinieren, sie seien Jesus, Gott oder Delphine. Für diese »Flipper«,
die Ausgeflippten, gibt es in Arambol eine Einrichtung mit dem schönen
Namen »Warmes Haus«, finanziert von der israelischen Antidrogenbehörde.
37 psychotische Backpacker haben die Helfer des Zentrums im
vergangenen Jahr in die Heimat zurückgeschickt, wo sie therapiert
werden.
Um zu verhindern, dass es so
weit kommt, sind Michael und seine Frau da. Über seine Schläfen
fallen sorgfältig gezwirbelte Locken, er trägt Tallit und Kipa,
die Insignien eines religiösen Juden, seine schwangere Frau einen
langen Rock und ein Tuch über dem Haar. Auch wenn die beiden
Orthodoxen auf den ersten Blick so gar nicht nach Goa passen, gehen
sie doch auf in dieser merkwürdigen Gesellschaft aus halb nackten
Bettelmönchen, New-Age-Anhängern und religiösen Sektierern. Ihre
Mission ist es, die innere Leere der jungen Israelis zu füllen. Dafür
hat sie ihre chassidische Gemeinde von Tel Aviv her geschickt. Es
gibt solche »Jüdischen Häuser« überall dort, wo auch
israelische Backpacker sind, in der argentinischen Provinzstadt
Bariloche genauso wie auf der thailändischen Insel Ko Samui. »Die
kriegsmüden Soldaten suchen spirituelle Antworten«, sagt Michaels
Frau, während sie ihren Sohn auf dem Schoß wiegt.
Jeden
Abend lädt das Ehepaar zum Abendessen ein, der einzige Preis, den
die Gäste dafür entrichten müssen: ein gemeinsames Gebet. Höhepunkt
der Woche ist der Freitagabend. 60 Israelis kauern auf dem Boden,
barfuß und in Shorts. Michaels leises Murmeln steigt in den dunklen
Abendhimmel auf, als er den Kiddusch-Segen über einem Becher Wein
spricht. Aus voller Kehle ruft die kleine Gemeinde: »Shabbat shalom!«
Auch Nir hat ein Gebetsbuch
aufgeschlagen, auf dem Kopf eine blaue Kipa. Er ist seit zwei
Monaten unterwegs in Indien; ein sehniger, bedächtiger Blonder, der
kaum trinkt und nicht mal Zigaretten raucht. Während seiner
Armeezeit hat er palästinensische Häuser im Westjordanland besetzt
und zwischendurch im Libanonkrieg gekämpft. Wenn er nächsten Monat
zurückfliegt, will er mit dem Studium beginnen, Geschichte des
Nahen Ostens; ein bisschen Arabisch hat er schon in Ramallah gelernt.
Er kommt gerade aus
Rajasthan, das hat ihm gefallen, etwas sehen, sich ablenken. Am
Strand herumhängen, das könne er doch auch in Tel Aviv. Trotzdem
wird er noch in Goa bleiben. Denn er reist zusammen mit einem
anderen Israeli, sie haben sich im Flugzeug getroffen. »Auch wenn
er nur Dope raucht, statt sich etwas anzusehen, ist er doch ein
guter Typ«, entschuldigt Nir den Freund.
Die Bindungskraft der
israelischen Ersatzfamilie ist groß. Und so ist auch Meital an
diesem Abend ins »Jüdische Haus« gekommen. Sie sucht noch
jemanden, mit dem sie sich ein Zimmer teilen kann. Vielleicht mit
Rivka, die neben ihr sitzt: Die Scharfschützentrainerin mit
Nasenpiercing und goldenem Davidstern um den Hals hat vor noch nicht
einmal 24 Stunden zum ersten Mal in ihrem Leben Israel verlassen –
und nun feiert sie in Indien Sabbat. Sie lacht selbst darüber.
Kurz
vor Mitternacht gehen auch Rivka, Meital und Nir. Draußen auf der
Straße packen die letzten Händler ein und rufen ihnen »Shabbat
shalom!« hinterher. Langsam schlendern sie zum Strand, wo ein
Lagerfeuer brennt, einige Israelis sitzen schon im Kreis darum herum,
ein paar Männer trommeln, ein paar Frauen tanzen, und es dauert
nicht lange, bis die erste Chillum kreist. Beten und Kiffen, das mag
ein Gegensatz in Israel sein, aber nicht hier in Goa. |