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Süddeutsche Zeitung
SZ
ONLINE - 2. Februar 2010
Werbung für Goa
Züchtig im Hippieparadies
Von
Tobias Matern
Die
Einheimischen fühlen sich durch westliche Lebensart bedrängt: Goa
will künftig nicht mehr mit Bikini-Fotos für sich werben.
Sie kamen im
VW-Bulli, entdeckten die Bilderbuchstrände. Sie kifften, sie tanzten
nackt durch die Gärten, lebten die freie Liebe. Als die Blumenkinder
vor mehr als 40 Jahren Goa zum Endpunkt des Hippie-Trails erkoren
hatten, schauten die Einheimischen verwundert zu. So ein freizügiges
Spektakel waren sie nicht gewohnt - ihre Frauen gingen meist voll
bekleidet in Saris ins Wasser.
Die komischen
Sitten waren den Goanern aber zunächst einmal egal. Schließlich
waren die Aussteiger aus Europa und den USA die ersten Besucher, die
der damals noch armen Region ein bisschen Geld brachten.
Das Bild vom
Paradies verfestigte sich schnell: Palmen, klares Wasser, 105
Kilometer lang nichts als Strand - und die Beatles, die mal zum
Planschen vorbeischauten.
Auch im Jahr 2010
gibt es im kleinsten indischen Bundesstaat noch immer etliche
Taxifahrer, die einem Drogen anbieten, noch immer jede Menge
Trance-Partys unter freiem Himmel. Und natürlich noch immer den
legendären Flohmarkt in Anjuna.
Ein Paradies in
allen Preiskategorien
Wo allerdings
früher Hippies ihre letzten Habseligkeiten verkauften oder
tauschten, bieten nun Souvenirhändler aus ganz Indien ihre Waren an.
Zu den in die Jahre gekommenen Aussteigern haben sich jede Menge
Pauschalurlauber hinzugesellt. Rentner überwintern hier gern.
Eine halbe
Million ausländische Touristen besuchen die Region im Jahr, die
wenigsten interessieren sich für die portugiesischen Kolonialbauten.
Längst schlafen die Gäste nicht mehr nur für ein paar Euro in
einfachen Bambushütten am Strand. Goa ist voll kommerzialisiert -
das Paradies kommt in allen Preiskategorien daher.
Goa hat ein
Imageproblem
Und: Goa hat ein
Imageproblem. Regelmäßig schreibt die indische Presse über Morde und
Vergewaltigungen dort, der jüngste Fall erregt besonders viel
Aufsehen: Ein einheimischer Arbeiter soll ein neunjähriges
russisches Mädchen im Wasser missbraucht haben, während sein Kollege
die Mutter am Strand in ein Gespräch verwickelte. Erst im Dezember
hatte eine russische Touristin einen Politiker bezichtigt, sie
vergewaltigt zu haben.
Kritik an freizügigen Touristen
Auch ein
Taxifahrer geriet unter Verdacht: Zwei Fahrgäste beschuldigten ihn,
er habe versucht, sich an ihnen zu vergehen. Die russische Botschaft
in Delhi drohte nun damit, eine Reisewarnung auszusprechen, sollten
die Behörden im Fall des mutmaßlich missbrauchten Kindes die
Ermittlungen verschleppen.
Bitte keine
Bikinis
Die beiden
Verdächtigen sind inzwischen festgenommen, das Mädchen sollte einen
der Männer noch am Montag persönlich identifizieren. Auch wenn der
Fall schnell aufgeklärt sein werde, "das Ansehen Goas hat einen
schweren Rückschlag erlitten", sagte der Chef der
Tourismus-Vereinigung der Zeitung Indian Express zerknirscht.
Zwar zeigt ein
Blick in die Kriminalstatistik, dass der Bundesstaat Goa weiter
deutlich hinter anderen Regionen liegt. Aber die landesweite
Aufmerksamkeit scheint hier umso höher zu sein - was auch an den
lokalen Politikern liegen mag, die unfreiwillig Schlagzeilen machen.
So griff das
Regierungsmitglied Pamela Mascarenhas nach den jüngsten Übergriffen
nicht etwa die mutmaßlichen Täter an oder erhob die Stimme gegen
Vergewaltigungen. Sie kritisierte die Touristen, wie die Zeitung
Mail Today ausbreitete. Die Besucher müssten Rücksicht auf
regionale Befindlichkeiten nehmen, forderte die Politikerin;
Einheimische könnten für die Verbrechen nicht einseitig beschuldigt
werden. Schließlich seien die Menschen es hier nicht gewohnt, so
leicht bekleidete Frauen zu sehen. Halb nackt am Strand
herumzulaufen, "errege die Sinne", sagte Mascarenhas - und empfahl
ein Bikiniverbot.
Ein Sturm der
Entrüstung brach los, Menschenrechtsgruppen prangerten Mascarenhas
krude Logik an. Sie relativiere mit ihrer Sicht der Dinge
Vergewaltigungen, sagte eine Aktivistin. Die Politikerin ruderte
rasch zurück: Sie habe das nicht so gemeint. Von einem generellen
Bikiniverbot möchte sie nichts mehr wissen. Ihre Regierung verbannt
nun lieber die leicht bekleideten Strandschönheiten aus den
Werbeanzeigen. So will sie verhindern, dass Goa mit Sextourismus in
Verbindung gebracht wird. Im einstigen Hippie-Paradies soll es
künftiger züchtig zugehen. |