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FOCUS-ONLINE - 29th November 2010
Flohmarkt in Goa
Ganz Indien auf 13,5 Hektar
Auf dem Flohmarkt von Anjuna verkaufen Menschen aus allen Ecken
Indiens Schmuck und Stoffe.
Die weite Anfahrt lohnt sich – für die Händler, aber auch für die
Touristen.
Von
Julia Bähr
Die glänzende Metallspange hat das Interesse eines jungen Touristen
geweckt.
Wie Albrecht Dürers berühmte Zeichnung von den betenden Händen sieht
sie aus, mit Wäscheklammer-Mechanik und schon etwas mitgenommen. Er
nimmt sie aus dem Wirrwarr der alten und auf alt gemachten
Gegenstände, die auf einem großen Tuch ausgebreitet sind. Der
schnauzbärtige Antiquitätenhändler, dem Tuch und Ware gehören,
schwärmt sofort los: Wunderschön sei das, und alt – sehr alt: „800
Jahre!“
Der Tourist verzieht das Gesicht, dann lacht er, sein Englisch
spricht er mit deutschem Akzent: „800 years?
You are kidding!“ Das Motiv gebe es noch gar nicht so lange, belehrt
er den Händler, das komme von einem Maler namens Dürer, und der habe
später gelebt. Der Verkäufer ist ertappt, aber er weiß, was in
solchen Fällen zu tun ist: Nur nicht einknicken. Lieber die
Aufmerksamkeit auf eine Schnupftabakdose mit Kamasutra-Motiv lenken.
„Auch sehr alt!“
Rostrot, Himmelblau, Sonnengelb
Auf dem Anjuna Flea Market im Norden Goas gibt es fast alles an
Tand, Kleidung, Schmuck und Nippes, was Indien hervorbringt. Der
Großteil davon ist neu und wird auch so verkauft. Zum Beispiel die
Schnupftabakdose, die zwei Stände weiter ebenfalls zu finden ist –
nur firmiert sie dort nicht als Antiquität. Der Flohmarkt findet
einmal in der Woche statt, auf einem 135 000 Quadratmeter großen
Areal nahe des wunderschönen, palmengesäumten Strandes von Anjuna.
Für den feinen Sand haben die wenigsten Touristen einen Blick, hier
geht es ums Stöbern und Feilschen.
Die Auswahl ist bombastisch: Aus nahezu allen Teilen des
Subkontinents sind die Menschen gekommen, um ab dem frühen Morgen
ihre Waren feil zu bieten – und eine kleine Geschichte dazu zu
stricken.
Eine Familie aus Agra hat auf ihrem Stand eine Batterie von aus
Stein gearbeiteten Dosen platziert und behauptet, ihre Vorfahren
hätten am berühmten Taj Mahal mitgebaut. Daneben geht es noch
lautstarker zu: Die für ihr hartnäckiges und cleveres
Verhandlungsgeschick berühmt-berüchtigten Kaschmiris haben feine
Tücher und Schals in allen Farben mitgebracht. Rostrot, Himmelblau,
Sonnengelb und Maigrün leuchten um die Wette. Die Händler lassen
niemanden vorbeigehen, ohne ausgiebig Werbung für ihre Ware zu
machen.
Sonnenbrand statt T-Shirts
Das Gegenteil der redseligen und wild gestikulierenden Kaschmiris
sind die aus Himachal Pradesh gekommenen Exiltibeter, die ein paar
Meter weiter auf dem Boden kauern.
Freundlich reichen sie ihre grob gearbeiteten Silbergefäße und
lassen Interessierte an Klangschalen lauschen. Das minutenlange
Handeln um die passende Summe ist ihnen merklich zuwider. In Anjuna
zeigt der Subkontinent seine Vielfalt – an Materialien, Formen und
Farben, aber auch an Mentalitäten.
Je höher die Sonne steigt, desto mehr Touristen streifen zwischen
den Ständen umher.
Der Ruf des Bundesstaats Goa als Partyhochburg lockt viele an, die
man eher am Ballermann vermutet hätte. Deutsche, Russen und Briten,
die in Badebekleidung an den Einheimischen vorbeiflanieren, die
nicht mal zum Baden im Meer ein Kleidungsstück ablegen. Statt
T-Shirts tragen viele Urlauber Sonnenbrand auf der Haut. Die Händler
hier sind das schon gewohnt. Weder halbnackte Frauen noch tätowierte
Neo-Hippies oder wild wirkende Motorradfahrer können sie
beeindrucken. Nicht einmal der schrill gewandete Transsexuelle, der
mit Familie angereist ist und einen Kinderwagen schiebt, erregt
besondere Aufmerksamkeit – in Anjuna üben sich die sonst oft prüden
Inder in Toleranz und Stoizismus.
Unter der heißen Mittagssonne bietet eine junge Muslima
Silberschmuck aus dem Gujarat an, ihr hellgrüner Sari spannt sich
über ihrem Bauch.
In zwei Monaten wird sie ihr erstes Kind bekommen, radebrecht sie
lächelnd, die englischen Brocken hat sie durch den Verkauf an die
Touristen gelernt. Ihre Großfamilie hat die Ohrringe und Ketten
gefertigt, zweimal im Jahr reisen einige Mitglieder der Familie nach
Goa, um zu verkaufen, tausend Kilometer weit. Heute hat sie bislang
drei Kunden gehabt, kein hoher Umsatz, aber trotzdem lohnt es sich.
Die Schwangere feilscht mit Hilfe eines Zettels. 500 Rupien, krakelt
sie darauf, so viel möchte sie für ein paar große Ohrringe haben.
„Okay, good price!?“, die junge Frau strahlt gewinnend. Zahlen kann
sie schreiben und lesen, aber keine Buchstaben. Ihr ungeborenes Kind
soll es einmal besser haben: Sie will es zur Schule schicken,
beteuert sie.
Lalitas letzter freier Herbst
Wer zwischen den Ständen immer bergab geht, erreicht den Strand.
Dort betreiben Goaner eine Strandbar, servieren Sandwiches und
frischen Ananassaft, aus den Lautsprecherboxen dudelt ein alter Hit
von Shakira. Der Strand ist fast menschenleer, niemand sonnt sich,
abgesehen von einer Kuh mit gewundenen Hörnern, die wiederkäuend im
feinen Sand sitzt. Daneben baut eine Mutter mit drei Kindern ein
Hochseil auf, über das die kleine Tochter spazieren muss.
Artistik-Darbietung für die Touristen. Später wird das Geld
eingesammelt.
Am Strand steht auch Lalita, eine junge Frau in einem bunten Kleid
und mit einem Stecker in der Nase.
Sie ist mit ihren Eltern aus Karnataka zum Flohmarkt gekommen.
Eigentlich verkauft sie T-Shirts und Schals, aber gerade ist ihr das
zu langweilig. Lieber unterhält sie sich mit Touristen. Lalita ist
17 und sagt, man könne sie auch „Tina“ nennen, denn so heißen doch
auch Frauen in amerikanischen Kinofilmen. „Das ist mein letzter
freier Herbst“, sagt sie: Noch ein paar Monate, dann ist sie 18 und
wird verheiratet werden. Den Mann kennt sie noch nicht; ihre Eltern
werden ihn aussuchen. Wenn sie sich vor der Hochzeit überhaupt
einmal in Ruhe mit ihm unterhalten darf, kann sie sich glücklich
schätzen.
Die meisten Händler kommen wie Lalita und ihre Eltern aus Karnataka,
dem Bundesstaat, an dem Osten und Süden grenzt.
Bekannt ist vor allem die Hauptstadt Bangaluru, das IT-Dorado
Indiens mit seinen prosperierenden Internet-Start-ups und einem
modernen Flughafen, der sich auch in Kanada befinden könnte.
Anderswo in Karnataka lebt man noch so wie die Vorfahren – von der
Landwirtschaft. Die letzten beiden Jahre herrschte große Dürre, in
der Regenzeit wollte sich der Himmel nicht öffnen, erzählt eine alte
Frau, die schweren traditionellen Nasenschmuck trägt und große,
gewebte Taschen in dunklen Farbtönen verkauft. Weil in der Heimat
die Felder verdorren, sind die Familien auf das angewiesen, was die
Angehörigen in Anjuna erwirtschaften.
Auch Sonya kommt aus der Region. Sie preist mit ihrer Freundin
Indira kleine perlenbesetzte Handtaschen an, die so schick sind,
dass sie die Touristinnen aus dem fernen Europa zu Hause ins Theater
mitnehmen können. Die beiden Verkäuferinnen handeln hart, sie wollen
umgerechnet zehn Euro für eines der fein gefertigten, schwarzen
Glitzerteile. Später, als die Sonne sich schon gen Westen neigt,
senken sie die Preise. Für die europäischen Touristen ist der Kauf
jetzt geradezu lächerlich billig, aber noch immer lohnt es sich: Für
die Familien von Sonya und Indira bedeutet jede verkaufte Tasche ein
Auskommen für viele Tage. Was sie nicht verkaufen konnten, packen
sie am Abend wieder ein.
Sie werden wiederkommen, in einer Woche. |